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starke Führung.

Ein anderer Blick auf eine vertraute Situation kann viel auslösen. Hier teile ich Gedanken aus meiner Arbeit mit Führungskräften.

CORNELIA SCHMITZ - MENTORIN SEIT 2003

Warum ein Jahresgespräch zum Anfang vom Ende wurde

Ich möchte dir von einem folgenreichen Jahresgespräch erzählen. Ein Vorstand gab einer Abteilungsleiterin Feedback. Sein erster Satz: »Ich finde, Sie haben sich verbessert.« Danach kamen fast nur Hinweise, was sie besser machen könnte.

Der Satz, der hängen blieb

Ein Kritikpunkt blieb hängen: »Ich verstehe ja, dass Sie Familie haben, doch es wäre schön, wenn ich Sie auch um 17:00 Uhr noch erreichen könnte.«

Für die Abteilungsleiterin wurde dieser Satz zum No-go. Ein wenig, weil sie den Eindruck hatte, dass es eben doch nicht gern gesehen wird, wenn eine Führungskraft sich Zeit für die Familie nimmt. Doch das war nicht der springende Punkt. Sie setzte sich so gut wie jeden Abend noch einmal zwei Stunden hin und arbeitete. Diesen Aspekt schien ihr Chef völlig zu ignorieren. Das verletzte sie und ihr kam zum ersten Mal der Gedanke: »Hier bin ich nicht mehr richtig. In dem Umfeld möchte ich im Grunde nicht arbeiten.«

Dazu musst du wissen: Sie war eine der engagiertesten im gesamten Führungsteam. Sie bewegte viel und führte ihr Team aktiv. Nach dem Gespräch war sie einfach nur enttäuscht und verletzt. Die Verbundenheit zum Arbeitgeber hat Schaden genommen. Sechs Monate später bekam sie ein interessantes Angebot und kündigte. Dem Vorstand war nicht bewusst, was das Jahresgespräch ausgelöst hatte und die Abteilungsleiterin war so angefasst, dass sie es ihm auch nicht zurückmelden wollte. Und so wurde es zum Anfang vom Ende.

Der unterschätzte Faktor Gesprächsführung

Welchen entscheidenden Fehler hat der Vorstand gemacht? An Wertschätzung hat es ihm nicht gefehlt, ganz im Gegenteil. Er wollte die Abteilungsleiterin weiter fördern und ihr aufzeigen, wie sie weiter wachsen kann. Seine Gesprächsführung vermittelte jedoch ein anderes Bild, denn was ankam, war das Signal: »Ich bin doch noch nicht so zufrieden.«

Er hatte die falsche Sprachstrategie. Damit kippte seine Kernbotschaft der Zufriedenheit in fortgesetzte Unzufriedenheit. Viele Führungskräfte haben sich mit dem Thema Sprachstrategien noch nie befasst und wissen daher zu wenig darüber, welche Wirkung ihre Worte haben.

Klar gesagt und trotzdem falsch angekommen

Zwei Dinge haben dazu geführt, dass das Gespräch die beabsichtigte Wirkung verfehlte. Er hat so gut wie keine einbindenden Fragen gestellt. Und seine Hinweise haben das Problem in den Mittelpunkt gestellt, nicht die Lösung.

Den meisten Führungskräften ist genau das nicht bewusst. Sie drücken sich zwar klar aus. Doch im Gehirn des anderen lösen sie vor allem ein Gefühl von Minderwert oder Ohnmacht aus. Das Ergebnis: Enttäuschung statt Motivation. Frust statt Vertrauen.

Was der Vorstand hätte anders machen können

Nehmen wir das Thema Erreichbarkeit nach 17:00 Uhr. Hier gibt es zwei entscheidende Stellen.

Inhaltlich: Er hätte die Tatsache, dass sie abends noch einmal arbeitet, wertschätzend ansprechen müssen, statt sie als selbstverständlich zu übergehen.

Sprachlich: Er hätte eine offene, einbindende Frage stellen können. Zum Beispiel: »Wie können wir uns in dringenden Fällen auch nach 17:00 Uhr abstimmen?«

Jetzt bekommt sie keine Bewertung serviert. Sie ist Teil des Dialogs darüber, wie etwas möglich wird. Im Gehirn wird so stärker das sogenannte Mastergefühl aktiviert, also das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Das ist eine Form von Wertschätzung.

Was du daraus mitnehmen kannst

Ein Jahres- oder Feedbackgespräch soll die vertrauensvolle Zusammenarbeit stärken. In diesem Beispiel hat es das Gegenteil bewirkt, obwohl der Vorstand zufrieden war. Den Unterschied hat nicht die Haltung gemacht, sondern die Gesprächsführung.

Nimm dir vor deinem nächsten Jahres-/Feedbackgespräch zuerst Zeit für die Zufriedenheitspunkte und überlege, wie du sie für das Gehirn des anderen greifbar machst, durch Beispiele und vor allem die Erklärung, warum es positiv bzw. wertvoll ist. Prüfe jeden einzelnen deiner Kritikpunkte: Sehe und benenne ich, was die Person schon leistet? Und kann ich aus meinem Hinweis eine Frage machen, die auf eine Lösung blickt statt auf ein Problem?

Mein Fazit

Ich kenn diesen Fall aus der Erzählung und natürlich war das Jahresgespräch nicht der einzige Grund, warum es zu einer Kündigung kam. Doch es war der Türöffner dafür. Hauptsächlich weil handwerkliche Fehler in der Gesprächsführung gemacht wurden. Und das zeigt, wieviel Einfluss nur ein einziges Gespräch haben kann.

Lies auch meinen Beitrag »Zwei Bereichsleiter, ein Konflikt und ein Kaffee.«

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